Kinderbuchautorin
Literarische Übersetzungen mit einem CAT-Tool
Zunächst einmal: Was ist eigentlich ein CAT-Tool? CAT steht für “Computer-aided Translation”, was auf Deutsch so viel heißt wie Computer-unterstützte Übersetzung. Auf WikiPedia steht das natürlich auch:http://de.wikipedia.org/wiki/Computerunterst%C3%BCtzte_%C3%9Cbersetzung Es handelt sich hierbei also um eine Software-Applikation, die dem Übersetzer hilft, seine Arbeit zu erledigen. Oft wird dieses Tool auch als “Translation-Memory-System” bezeichnet. I finde den Term “Translation Environment” (TE) am Passendsten. Ist auch nicht so wichtig, denn es ist eigentlich ein und dasselbe.
Das erste Buch, das ich mit einem TE übersetzt habe, war das Kinderbuch Mozart in der Zukunft von der brasilianischen Kinderbuchautorin Tânia Maria Rodrigues-Peters, die zufällig meine Frau ist. Ich habe es aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Deutsche übersetzt. Im Moment übersetze ich gerade ein anderes Buch, das aber auch von einem brasilianischen Autor stammt. Meine Frau wird sich noch etwas gedulden müssen, denn sie hat bereits ein weiteres Buch mit dem Titel Die Legende vom Schwarzen See geschrieben. Wenn ich die Zeit finde, dann werde ich das natürlich auch noch übersetzen, und zwar mithilfe eines TE. Selbstverständlich!
Warum benutze ich so ein TE eigentlich?
Ich kenne zufällig den Chef der Firma, die das TE herstellt, mit dem ich arbeite (MemoQ von www.kilgray.com). Genau dieser Chef hat mir die Frage gestellt, warum ich denn eigentlich sein Tool für literarischen Übersetzungen benutze? Nun ja, hier ist die Antwort: Man braucht es nicht unbedingt, eigentlich. Wenn du dir deine Brötchen immer zu Fuß vom Bäcker geholt hast, warum solltest du dir dann jetzt plötzlich ein Auto kaufen? Und wenn du mit deinem Nachbarn immer persönlich sprichst, warum solltest du ihn auf einmal mit dem Handy anrufen?
Erst mal ein paar Grundlagen. Um das Übersetzen etwas einfacher zu gestalten und um einige “Teile” der Übersetzungen später wiederverwenden zu können, trennt das TE den Text in Segmente auf. Meist sind diese Segmente gleichzusetzen mit Sätzen, die mit einem Großbuchstaben beginnen und mit einem Satzende, also einem Punkt, Ausrufe- oder Fragezeichen enden. Nehmen wir einmal folgenden Beispielsatz: “Er möchte, dass Tiere wie z. B. Katzen oder Hunde, immer mit Repekt behandelt werden.” Dieser Satz sollte ein einziges Segment werden, auch wenn hinter “z” und “B” ein Punkt steht. In allen TEs gibt es dafür Segmentierungsregeln, die diese Ausnahmen abfangen.
Ich habe das TE für die Übersetzung des Buches aus einem Hauptgrund verwendet: In brasilianischem Portugiesisch gibt es viele Kommas und Semikolons. Die deutschen Sätze sollten allerdings relativ kurz sein, damit sie für ein deutschsprachiges Kind leichter verständlich sind. Deshalb habe ich die Segmentierungsregeln so angepasst, dass nicht nur nach einem Satzende ein neues Segment entsteht, sondern auch nach Kommas und Simikolons. Nun ist es natürlich nicht so, dass alle Kommas und Semikolons automatisch auch ein Satzende im Deutschen darstellen. Ich musste also im Nachhinein mit der Segmente-zusammenführen-Funktion während der Übersetzung einige Segemente zu einem verschmelzen. Das ist etwas mehr Arbeit, aber der Vorteil ist, dass man kleinere Segmente bekommt. Kleinere Segmente führen automatisch zu mehr und besseren “Matches” im “Translation Memory (TM)”. Das TM ist eine Datenbank, die alle übersetzten Segmente speichert. Man muss also nicht alle ähnlichen oder identischen Segmente ganz neu übersetzen.
Ich benutze diese Matches nicht auf die gleiche Weise wie ich sie für technische Übersetzungen wie z. B. Bedienungsanleitungen benutzen würde, denn ich möchte, dass der Text schön wird, d. h. ich muss auf identische Sätze oder sich wiederholende Phrasen verzichten. Jedoch zeigen mir die Matches an, wie ich einen bestimmten Satz vorher übersetzt habe. So kann ich Segment für Segment entscheiden, ob ich es benutzen möchte oder nicht.
Im Moment übersetze ich ein Sachbuch über eine Balletttänzerin mit Down-Syndrom: www.bailarinaespecial.com.br Das Buch heißt Eficiência na Deficiência (wörtlich so viel wie “Effizienz in der Defizienz”) Der Vater der Balletttänzerin ist der Autor. Der Text ist sehr viel schwieriger als der des Kinderbuches und die Regel der kurzen Sätze im Zieltext kommt hier nicht zum Tragen. Die Semikolon-Regel kann man aber dennoch anwenden. So war es auch bei diesem Buch hilfreich, die Segmentierungsregeln zu anzupassen.
Und wie sieht es mit Terminologie aus?
Eine Terminologiedatenbank ist eine Art Online-Wörterbuch, das in ein TE integriert ist. Ja, auch bei literarischen Übersetzungen ist Terminologie hilfreich. Man kann sich nämlich nicht alle Wörter merken, die man einmal in Wörterbüchern oder Referenzdokumenten nachgeschlagen hat. Genau wie beim TM geben Einträge in der Terminologiedatenbank nur einen Hinweis darauf, wie man das Wort vorher übersetzt hat. Es geht hier nicht um Konsistenz oder gar Qualitätssicherung, sondern darum, dass der Übersetzer leichter entscheiden kann, ob er dasselbe Wort oder vielleicht lieber ein Synonym verwendet.
Bei der ersten Übersetzung, dem Kinderbuch, habe ich die Terminologiedatenbank gar nicht verwendet. Ich hatte zwar angefangen, sie zu nutzen, habe dann aber festgestellt, dass ich nicht ein einziges Wort nachzuschlagen brauchte. Meine Frau und ich sind seit 13 Jahren oder so (ich weiß es nicht mehr) verheiratet. Wir haben uns immer nur auf Portugiesisch unterhalten (das weiß ich noch). Sie spricht auch mit den Kindern nur auf Portugiesisch. Ihr Buch Mozart in der Zukunft ist ein Kinderbuch, d. h. die Texte sind einfach. So konnte ich keinen Vorteil darin sehen, die Terminologiedatenbank zu verwenden.
Mit dem zweiten Buch ist das anders, denn ich war nie mit dem Autor verheiratet. Er benutzt viele relativ schwer zu übersetzenden Wörter und Redewendungen, die – auch wenn ich die meisten kenne – ich sie nicht gerade täglich verwende. In diesem Fall ist es sinnvoll und hilfreich, die Übersetzungen zu speichern. Aber auch hier: nicht als Referenz und nicht nur für die Wiederverwendung.
Kann eine maschinelle (Vor-)Übersetzung helfen?
Ich möchte hier nicht über das Für und Wider der maschinellen Übersetzung diskutieren. Auf jeden Fall kann man mit einem maschinellen Übersetzungstool keine literarischen Texte übersetzen, aber es kann hilfreich sein und das möchte ich im Folgenden aufzeigen.
Ich schlage Vokabeln in verschiedenen Online-Wörterbüchern nach. Für Portugiesisch-Deutsch gibt es nicht viele und die meisten sind nicht besonders gut. Da ich die Bedeutung der meisten Wörter eh kenne, benutze ich die Liste der vorgeschlagenen Übersetzungen eher als Orientierung oder Ideengeber. Es ist halt meist einfacher, wenn ein Tool mir die Übersetzung vorschlägt, als wenn ich mir sie selbst überlegen muss. Die Bedeutung des Ausgangswortes kennen und sich eine Übersetzung zu überlegen sind sowieso zwei Paar Schuhe.
Spanisch ist dem Portugiesischen sehr ähnlich und da ich auch sehr gut Spanisch spreche, benutze ich oft das Online-Wörterbuch LEO. Wenn es das portugiesische Wort auch im Spanischen gibt, dann schlage ich die deutsche Übersetzung dafür nach. Auch hier wieder: als Orientierungshilfe oder Ideengeber. Wenn das deutsche Wort nicht ganz passt, dann suche ich auf dem Wortschatz-Portal der Universität Leipzig nach Synonymen. Meist finde ich einen besseren Term, wenn ich die Liste der Synonyme vergleiche. Auch verwende ich gern den Google translator, dort ganz besonders die Liste, die unten rechts erscheint.
Es kostet allerdings sehr viel Zeit, die Wörter auf verschiedenen Websites nachzuschlagen. So dachte ich mir, dass es hilfreich wäre, wenn man die machinelle Übersetzung direkt ins TE integrieren könnte. Mein TE hat keine Funktion für maschinelle Übersetzung (die neue Version von MemoQ wird aber so eine Funktion haben), also habe ich selbst einen Weg erfunden.
So hab ich’s gemacht:
- http://translate.google.com/toolkit öffnen, ein privates TM erstellen, das Dokument hochladen und es maschinell übersetzen lassen
- Das übersetzte Dokument herunterladen und sowohl das übersetzte als auch das Ausgangsdokument im TE mit dem Alignment-Tool vergleichen.
- Das Tool sollte alle übersetzungen erkennen, sodass man sie leicht in ein neues (wichtig!) TM schreiben kann.
- Für das neue TM setzt man Nur-Lese-Rechte und fügt es dann als sekundäres TM dem Übersetzungsprojekt hinzu.
Ich glaube, dass ich nicht einen einzigen Match aus dem maschinell erstellten TM benutzt habe, aber dennoch haben mir die Matches häufig Hinweise darüber gegeben, wie man übersetzen könnte (oder auch nicht übersetzen sollte). Die einzelnen Wortübersetzungen helfen aber, auch wenn man dann oft ein Verb anstatt des vorgeschlagenen Substantivs nimmt.
Der Einsatz von maschineller Übersetzung ist nicht immer zu empfehlen. In vielen Fällen ist es besser, man denkt erst einmal richtig nach, bevor man überhaupt die maschinelle Übersetzung zu lesen beginnt. Ich würde aber die maschinelle Übersetzung als Hilfestellung für literarische Übersetzungen empfehlen, wenn man die oben erwähnten Fallstricke im Hinterkopf behält.
Schlussfolgerung
Vergiss alles, was ich gerade über den Einsatz eines TE für literarische Übersetzungen geschrieben habe. Wenn du diesen Artikel liest, dann arbeitest du wahrscheinlich sowieso schon mit einem TE. Und wenn du ein literarisches Übersetzungsprojekt durchführen musst, dann würdest du dafür auch das TE benutzen.
Alles, was ich über den Gebrauch eines TE, Terminologie, Translation-Memory und maschinelle Übersetzung ist sehr subjektiv und letztendlich muss es jeder selbst entscheiden, weil es auf den eingenen Geschmack und die Gewohnheiten ankommt.
Der große Nachteil von einem TE ist, dass es deine Kreativität beeinflusssen könnte. Und Kreativität ist wichtig, wenn man literarische Texte übersetzt.
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